Tierheim Choli Saland


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Eva's Weg

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Eva's Weg ins Vertrauen
Von Barbara Moretti

Das <komische Ding Namens Eva>

Nachdem ich meinen geliebten Kater „Willi“ wegen einer schweren Erkrankung einschläfern lassen musste, war ziemlich bald klar, dass ich irgendwann wieder eine Katze wollte und nach einiger Zeit, als ich grad im Unterland bei einem Freund weilte, besuchten wir das Tierheim Choli. Da kniete ich dann mitten in diesem Katzenzimmer, selig berührt ob all der Büsi’s, die um meine Streicheleinheiten buhlten. Am liebsten hätte ich sie alle mitgenommen! Irgendwann näherte sich mir mit grossem Sicherheitsabstand ein schwarz-weisses, verschnupftes, verschupftes, verschüchtertes Etwas, das ich kaum registrierte, denn ich war voll von einer typischen Schmusekatze angetan. „Diese würde ich gerne nehmen,“ sagte ich zu Frau Volz, der damaligen Tierheimleiterin. Frau Volz jedoch lenkte meine Aufmerksamkeit auf dieses komische Ding, das „Eva“ hiess.

Ich will geben... und nicht bloss erwarten und nehmen

Eva hätte es sehr schwer gehabt, sei geschlagen worden, niemand hätte sie bisher wollen, wenn doch, hätte man sie sogleich wieder zurückgebracht, weil sie nicht streichelbar sei, sondern kratzbürstig. Ich solle doch Eva nochmals überdenken und anderntags Bescheid geben (die Frau hatte eine gute Nase für Mensch und Tier!). Gut, warum nicht?! Ich überlegte. Nein, ich wollte doch nicht schon wieder eine Problemkatze, eine pflegeleichte hätte ich doch jetzt nach Willis Krankheit echt verdient, dachte ich. Doch plötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz! Mein Herz brannte augenblicklich für dieses verlorene Geschöpf namens Eva! <Was fällt dir eigentlich ein...> sagte ich mir, <... Du Egoist!> sagte ich mir nochmals, <... da wartet ein armes Tier ganz dringend auf Liebe, denn es hatte nie welche gekriegt! Wieso will man immer denen geben, die schon haben? Die Verlorenen, Verängstigten haben es am Nötigsten, wie bei Menschen auch, und überhaupt: Bin ich ein Tierfreund oder nur jemand, der will, dass sich das Tier nach meinen bequemen Vorstellungen verhält? Mein Wunschobjekt? – NEIN !! – Ich bin ein Tierfreund!! Ich will geben und nicht bloss erwarten und nehmen>! Ich hatte mich entschieden. Frau Volz war glücklich, ich auch. Eva noch lange nicht!
So fuhr ich dann mit dieser tränenden, schnupfenden, Ohren kratzenden, kläglich reklamierenden Eva nach Chur zurück in meine gemütliche 1 ½-Zimmer-Wohnung mit grossem Balkon. Die ersten drei Tage bekam ich sie nie zu Gesicht, sie blieb unsichtbar. Sie rührte weder Futter noch Wasser an. Nur nachts hörte ich jeweils schweres keuchendes Atmen. Hat sie gar noch Asthma?, fragte ich mich. Doch dann realisierte ich, dass sie aus purer Angst so gepresst atmete und sich nur nachts unter meinem Bett hervortraute um etwas Wasser zu trinken. Mein Gott, was muss die erlebt haben!! Ich wusste nun, dass ich ihr alle Zeit der Welt lassen musste, nichts forcieren!

An Berührungen gewöhnen

Nach zirka einer Woche traute sie sich auch tagsüber unter dem Bett hervor, erkundete die Wohnung und den Balkon, hielt aber immer meterbreiten Abstand zu mir. Die Zeit verging. Eva traut sich mir in die Augen zu schauen, doch den Abstand hielt sie weiter bei. Ich redete viel mit ihr, sehr ruhig und beruhigend, bewegte mich nie hastig, denn das erschreckte sie sofort wieder aufs Heftigste. Mit einem Federstab versuchte ich sie an Berührungen zu gewöhnen, streichelte damit ihr Köpfchen und animierte sie damit auch zum Spielen, wozu sie sich dann zögerlich hinreissen liess. Mit der Zeit gefiel ihr das Kopfstreicheln mit dem Stab. Mit der Hand berühren jedoch konnte ich sie immer noch nicht. Sie hätte sofort gekratzt.
Irgendwann musste sie mal geimpft werden. Wie ich sie in die Transportkiste brachte, ist mir heute noch schleierhaft. Ich erinnere mich bloss, dass ich uns drei... Transportkiste, Eva u. mich... in mein kleines Badezimmer einschloss, eine Decke auf die Kiste legte und hoffte, Eva würde sich da drinnen nun verstecken. Und tatsächlich, das machte sie irgendwann auch, doch bis es soweit war, zitterten mir die Knie vor Angst ob ihrem furchteinflössenden Gefauche, mit dem sie jeden ausgewachsenen Tiger in die Flucht geschlagen hätte. Auch dem Tierarzt hat sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Er hielt sie anfangs gar für nicht therapierbar.
Eva zerkratzte in der Praxis des Arztes Frau. Wegen starker Zahnfleischentzündungen mussten ihr mehrere Zähne gezogen werden und es folgten weitere in den kommenden Jahren. Heute hat sie noch 2 Zähne, einen Grossen vorn, ihr ganzer Stolz, und irgendwo hinten noch einen Kleinen. Bei einer weiteren Behandlung Jahre später ist Eva vom Behandlungstisch entwischt. Das ganze Team musste sich bemühen sie wieder einzufangen. Ich war da nicht dabei. Doch in Zukunft blieb ich bei Eva, wenn sie eine Narkose bekam wegen dem Zähne ziehen. Da war sie dann viel ruhiger. Auch muss man ihr heute alle paar Monate Blut abnehmen um die vorher 4 mal zu hohen Schilddrüsenwerte kontrollieren zu lassen, die heute nun mit täglicher Tablettengabe im Normalbereich gehalten werden können. Dann hat Evchen mich noch mit einem kleinen Geschwür am oberen Augenlidrand „beehrt“, das ebenfalls wegoperiert wurde. Und jedes Mal staunte der Tierarzt von neuem ob der ungewohnten Ruhe von Eva (klar, weil ich dabei war, er glaubte, es sei wegen der beruhigten Schilddrüse).
Das war nun kurz Evas Krankengeschichte.



Wachsendes Vertrauen

Nach ca. einem Jahr WG mit Eva sagte ich mir: Sie darf bleiben, wie sie ist! Auch wenn sie sich niemals streicheln lassen wird. Sie wurde so von Menschen gemacht. Manchmal schäme ich mich, zur Spezie Mensch zu gehören, denn was diese der Mitschöpfung antut, ist mehr als abscheulich, weltweit gesehen! Ich werde Eva lieben ohne Wenn und Aber, das sagte ich mir nach diesem Jahr! Wenn sie mich anschaute, mit diesem Blick wachsenden Zutrauens und doch auch wieder voller Angst gegenüber allem, was nach Mensch aussah, rührte sie mich zutiefst! Es freute mich dann zu erleben, wie sie tröpfchenweise mehr und mehr Zutrauen fasste, der Abstand zu mir immer kleiner wurde und der Tag kam, an dem ich ihr mit blosser Hand sachte übers Köpflein streichen konnte! Mein Gott, welche Freude! Nach ca. 1 ½ Jahren konnte ich den Federnstab beiseite legen. Sie fing an die Streicheleinheiten meiner Hand zu geniessen. Doch vorsichtig musste ich trotzdem bleiben. Eine zu schnelle Annäherung mit der Hand quittiert sie auch heute noch mit einem eindrücklichen Pfotenhieb!

Blindes Vertrauen heute

Eva hat sich heute nun zu einer rekordverdächtigen Schmusekatze entwickelt. Ich bin mit Katzen aufgewachsen, doch sie ist das anhänglichste Büsi, das ich jemals erlebt habe. Wir kleben aneinander wie siamesische Zwillinge. Sie begleitet mich ins Bad zum Zähne putzen, beim Essen setzt sie sich neben mich und schaut mich konstant sehr verliebt an. Sie vertraut mir blind und zeigt mit jedem Blick ihre grosse Dankbarkeit dafür, dass ich sie in ein angstfreies, von Wärme, Wohlwollen, Verständnis, Akzeptanz, Toleranz erfülltes Leben geführt habe. Wir sind uns sehr, sehr nahe, ich verstehe ihre Sprache und sie meine. Wenn ich schlafen gehe, drückt sie sich ganz fest an mich, wir spüren gegenseitig unsere Herzen schlagen, und das ist etwas vom Schönsten, das ich in meinem Leben erleben darf! Ich liebe dieses Tier innig und sie gibt mir heute ihre Liebe und Zuwendung tausendfach zurück.

Eva erstaunt alle meine Bekannten, die sie von Anfang bis jetzt kennen. Sie ist erblüht und gesund und sieht heute mit ihren 14 Jahren wie ein junges Büsi aus. . . . (und das ohne face-lifting, hihi). Was echte Tierliebe (Liebe überhaupt, auch zu Menschen) nicht alles bewirkt! Eines weiss ich sicher, ich will auch in Zukunft nur noch Büsi’s, die verloren, verängstigt und verstossen sind !!! Denn diese danken es einem ganz besonders !!!

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